Bericht vom 26. TSW Transport vom 05.12 - 09.12.1997

 
   
  Ziel: Slavonski Brod
Güter: {Güter}
 
   
  Nach einer annähernd reibungslosen Fahrt mit überraschend kurzen Grenzwartezeiten traf der Konvoi des 26. TSW-Transportes Samstag Abend gegen 20.00 Uhr in Slavonski-Brod ein. Die acht Fahrzeuge konnten noch am selben Abend vollständig entladen werden. Leider war es uns auf dieser Fahrt nicht möglich, neben Kleidung, Bau- und Sanitärmaterial sowie verschiedenen Medikamenten auch Lebensmittel zu überbringen. Wir sind allerdings zuversichtlich, dass dies beim nächsten Transport im Februar wieder möglich sein wird. Mit dabei waren diesmal zahlreiche neue Mitarbeiter aus Berlin und Celle mit ihren Fahrzeugen. Außerdem wurden wir von einem Journalisten der Abendzeitung, der an einer Reportage über TSW, den Transport und die Situation in der Region Slavonski-Brod arbeitet, begleitet. Es bleibt zu hoffen, dass diese Arbeit zu einer positiven Resonanz bei der Bevölkerung führt und unsere Aktion dadurch wieder mehr in der Öffentlichkeit bekannt wird. Mit großer Freude stellten wir nach unserer Ankunft fest, dass die Gemeinde in Slavonski-Brod ein neues „Centar“ in Form eines kleinen Hauses gefunden hat und uns somit endlich wieder eine richtige, wenn auch räumlich sehr begrenzte, Unterkunft zur Verfügung steht. Das Gebäude soll nach und nach zu einer neuen Wirkungstätte der Gemeinde ausgebaut werden. Es wäre mit Sicherheit sehr motivierend, am Aufbau des Zentrums aktiv mitzuwirken und auf diesem Wege die Arbeit von Zdravko und Lilli zu unterstützen. Wie bei unserem letzten Aufenthalt in Slavonski-Brod konnte auch diesmal wieder der Eindruck einer sich langsam normalisierenden Lage gewonnen werden. Tatsache ist jedoch, dass sich hinter der Fassade eines sich bescheiden entwickelnden Wohlstandes in Form von gefüllten Schaufenstern und regen Lebens in vielen Cafes und Kneipen eine große Zahl von Problemen auftürmt, deren Lösung noch in weiter Ferne zu liegen scheint. Die Preise der angebotenen Ware sind verhältnismäßig hoch (vergleichbar mit Deutschland). Das durchschnittliche Einkommen eines Arbeitnehmers beträgt jedoch nur umgerechnet ca. 400,-- DM. Viele Leute, insbesondere die Flüchtlinge, deren Zahl derzeit in Slavonski-Brod immer noch bei ca. 16000 liegt, müssen mit sehr viel weniger über die Runden kommen. Verschiedene Besuche bei Flüchtlingsfamilien verdeutlichten deren augenblickliche Situation. Viele Familien leben in winzigen, feuchten Räumen ohne Heizung und Wasser. Die Unterkünfte bestehen teilweise nur aus notdürftig instandgesetzten Scheunen, Kellern oder Garagen. Für viele gibt es immer noch keine konkrete Aussicht auf eine baldige Rückkehr in ihre Heimatorte. Während diversen Aussagen zufolge Heimkehrern nach Ost-Slavonien dort sehr feindselig begegnet wird (teils Sprengstoffanschläge auf neu renovierte Gebäude), soll das Verhältnis zwischen den verschiedenen Nationalitäten in Zentralbosnien bedeutend besser sein. Aber in Bosnien und auch im weniger zerstörten Slavonski-Brod gibt es kaum Zukunftsperspektiven für diese Leute, da die ganze Region mit einer sehr hohen Arbeitslosenrate zu kämpfen hat. Die industrielle Produktion ist noch nicht wieder aufgenommen, da die Anlagen immer noch zerstört sind und eine entsprechende Infrastruktur nicht mehr existiert. Vor dem Krieg waren im Raum Slavonski-Brod ca 50.000 Menschen beschäftigt. Am Sonntag benutzten wir die erst seit wenigen Tagen für die Öffentlichkeit wiedergeöffnete Brücke zwischen Slavonski-Brod und Bosanski-Brod. Die Brücke ist immer noch von der SFOR militärisch gesichert und streng überwacht. Erfreulich ist jedoch, dass auf diesem Wege die Menschen wieder die Möglichkeit haben, ohne große Umwege das andere Ufer der Save zu erreichen. Wie sich die Verständigung mit der nunmehr rein serbischen Bevölkerung in Bosanski-Brod gestaltet, ist noch nicht abzusehen. Man sieht Leute mit Taschen und Gepäck zu Fuß über die Brücke gehen, andererseits wird wieder von Anfeindungen gesprochen. Eine Familie (Mischehe serbisch/kroatisch) konnte sich nur durch Aufmalen von serbischen Zeichen auf ihr Haus vor Vandalismus und Belästigungen schützen. Die Stadt Bosanski-Brod bietet unverändert ein Bild der totalen Zerstörung und Hoffnungslosigkeit. Die Häuserzeilen am Save-Ufer bestehen ausschließlich aus Ruinen. Anders als auf kroatischer Seite herrscht kaum Verkehr auf den Straßen und es ist kaum Handel oder gewerbliche Infrastruktur erkennbar. Es fehlt an den elementarsten Dingen des täglichen Lebens. Immer wieder sind zerlumpte, verschmutzte Kinder mit trostlosem Gesichtsausdruck zu sehen. Es gibt so gut wie keinen Hinweis auf einen bevorstehenden Wiederaufbau der Stadt. Beim Besuch einer Familie, die von der Gemeinde in Slavonski-Brod unterstützt wird, konnten wir uns ein Bild von der Situation machen, in der sich zur Zeit viele Menschen in Bosanski-Brod befinden. Man lebt in einer zur Wohnung umfunktionierten Garage in sehr beengten Verhältnissen. Am eigentlichen Wohnhaus sah man provisorisch eingebaute Fensterrahmen, die wohl von TSW „geliefert“ wurden. Auf diese Art wird versucht, schrittweise wieder winterfesten Wohnraum zu schaffen. Von Bosanski-Brod aus nahmen wir die Landstraße in Richtung Odzak. Die Region am südlichen Save-Ufer ist größtenteils zerstört und nahezu unbesiedelt. Aufgrund der Minenverseuchung ist kaum Landwirtschaft möglich. Fast alle Flächen sind unbestellt, nur gelegentlich sind einzelne Parzellen bewirtschaftet. In vielen Dörfern sind nur einige wenige Gebäude bewohnt. Im Gegensatz dazu ist im föderativen Teil Bosniens ein bescheidener Aufschwung erkennbar. Immer wieder sind Häuser zu sehen, die instandgesetzt werden. Viele Leute versuchen, sich hier neu niederzulassen. Angeblich werden diese Maßnahmen mit EU-Geldern unterstützt. In Odzak wurde soeben der Rohbau der neuen katholischen Kirche fertiggestellt. Das Grundstück, auf dem die im Krieg völlig zerstörte Moschee stand, ist jedoch immer noch leer. Verschiedenen Aussagen zufolge würden auch hier Gelder fließen, doch ein großer Teil davon würde in dunklen Kanälen verschwinden. Auf dem Rückweg nach Slavonski Brod benutzten wir die Fähre, die hier Bosnien mit Kroatien verbindet. Durch den Umstand, dass die Fähre im Uferschlamm festsaß und erst nach vielen vergeblichen Versuchen freikam, hatten wir Zeit, mit einer österreichischen Hilfsorganisation, deren Fahrzeuge zufällig auf der selben Fähre waren, zu sprechen. Diese Organisation baut gegenwärtig Holzhäuser für sehr bedürftige Familien. Wir werden versuchen, mit dieser Gruppe in Kontakt zu bleiben und entsprechendes Informationsmaterial zu bekommen. Noch am selben Abend trat ein Teil der Fahrer die Heimreise nach München an. Einige Leute hatten am nächsten Tag noch die Möglichkeit, sich vor Ort umzusehen. Am Dienstag, den 09.12.97, kehrten auch die letzten Fahrzeuge zurück nach München. Somit konnte der 26. TSW-Transport erfolgreich abgeschlossen werden.
Christoph Pongratz (TSW-Mitarbeiter)