Bericht vom 22. TSW Transport vom 27.03 - 31.03.97

 
   
  Slavonski Brod  
   
  Wie im vergangenen Jahr wurden auch heuer wieder die Osterfeiertage zur Durchführung eines Transportes nach Slavonski Brod genutzt. Wie gewöhnlich starteten wir gegen 21.00 Uhr in der Birkerstraße. Diesmal bestand der Konvoi „nur“ aus 6 Fahrzeugen mit insgesamt 12 Teilnehmern. Die Fahrt bis zur slowenischen Grenze verlief routinemäßig. Leider konnte die Frage zur Befreiung von der Vignetten- Pflicht in Österreich noch nicht geklärt werden. An der slowenischen Grenze wurden die üblichen Formalitäten verhältnismäßig rasch abgewickelt. Verzögert wurde die Abfertigung dann allerdings doch durch den Umstand, dass bei einem Fahrzeug das fehlende Planenseil beanstandet wurde. Dadurch war eine Verplombung nicht möglich. Da man sich nicht anders einigen konnte, musste ein Fahrzeug in die nächste Stadt fahren und ein entsprechendes Seil besorgen. Die weitere Fahrt durch Slowenien und Kroatien verlief problemlos. Zu unserer Überraschung mussten wir im Gegensatz zum letzten Transport für die kroatische Autobahn keine Gebühr entrichten. Auf der Rückfahrt wurde diese jedoch wieder unnachgiebig verlangt. Hier scheint offenbar keine einheitliche Regelung zu bestehen. Es wurde lediglich auf die Möglichkeit hingewiesen, das Verkehrsministerium in Zagreb in dieser Angelegenheit zu konsultieren. Am Abend des Karfreitag trafen wir in Slavonski Brod ein. Als Entlade- und Lagerplatz wurde uns diesmal eine alte Zitadelle zugewiesen, die in der jüngsten Vergangenheit der jugoslawischen Armee als Kaserne diente. Die mitunter historischen Gebäude dieser Anlage sind teilweise stark beschädigt. Unsere Hilfsgüter (Kartoffeln, Matratzen, Betten, Baumaterial usw.) wurden in zwei alten Kellergewölben untergebracht. Auch diesmal waren wieder viele Helfer zugegen. Leider stand uns diesmal das „Omladinski Evandeoski Centar“ als Übernachtungsmöglichkeit nicht mehr zur Verfügung. Die schon länger bestehenden Differenzen zwischen dem Gemeinde- und Jugendpfarrer in Slavonski Brod und der Kirchenführung in Zagreb haben schließlich zu einem gerichtlichen Räumungsbeschluss geführt. Wir hoffen in dieser Angelegenheit aber auf eine positive Wende. Man konnte uns allerdings einen anderen Raum im Untergeschoss eines großen Wohnhauses besorgen. Am nächsten Tag statteten wir dem Hauptquartier der amerikanischen SFOR-Streitkräfte in Slavonski Brod einen Besuch ab. Wir wurden sehr freundlich empfangen und in das Büro des Kommandanten gebeten. Hier erhielten wir viele nützliche Informationen über die Lage in der Region Slavonski Brod und im angrenzenden Bosnien. Vor allem in Bosanski Brod, das angeblich von den serbischen Behörden jetzt in Srpska Brod umbenannt worden ist, sei die Situation äußerst schlecht. Einem Gerücht zufolge vermint die serbische Polizei das Südufer der Save. Auch die Insel zwischen beiden Städten sei stark vermint. Diese Problematik trifft auf das ganze Staatsgebiet von Bosnien- Herzegowina zu. Es werden dort ca. 8 Mio. Minen vermutet. Auch auf kroatischem Gebiet könne man nicht völlig sicher sein, doch das Problem sei weitaus nicht so groß wie in Bosnien. Da der Großteil der Industrie in Bosanski Brod zerstört ist, beträgt die Arbeitslosenquote ca. 50 %. Das Warenangebot ist knapp, die Preise sind sehr hoch und die Qualität der Ware, die oft nur auf dem Schwarzmarkt angeboten wird, ist schlecht. „We are surviving“ umschreibt eine Soldatin bosnischer Herkunft, die bei der SFOR eine Anstellung als Dolmetscherin gefunden hat, die Situation. Sie selbst könne sich eine Zukunft in diesem Land nicht mehr vorstellen und wolle dies Ihren Kindern ebenfalls ersparen. Sehr pessimistisch beurteilen Fachleute der SFOR die weitere Entwicklung im ehemaligen Jugoslawien. Nachdem die SFOR-Einheiten voraussichtlich im Juni 1998 abziehen werden, erwartet man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Wiederaufflammen der Kampfhandlungen. Beide Seiten seien hoch gerüstet und lediglich die SFOR stelle zur Zeit die Kraft dar, die beide Parteien voneinander trennt. Ein weiteres Problem zeichnet sich in nächster Zeit durch die vielen rückkehrenden Binnenflüchtlinge und Heimkehrer aus Westeuropa ab. Es ist kaum Wohnraum für sie vorhanden, von Arbeit ganz zu schweigen. Angeblich würde jetzt auch die Rückkehr anderer Volksgruppen in serbisch kontrolliertes Gebiet geduldet, doch Berichte, dass Vertriebene gewaltsam an ihrer Heimkehr gehindert werden, beweisen das Gegenteil. Dem Gedanken, auch den bedürftigen Menschen in Bosanski Brod zukünftig unsere Hilfe zukommen zu lassen, stand man sehr offen gegenüber, obwohl darauf hingewiesen wurde, dass dies wohl nicht sehr einfach werden würde. Die Brücke darf bis jetzt nur von SFOR-Fahrzeugen benutzt werden und wird nicht als internationaler Grenzübergang anerkannt. Alle weiteren Entscheidungen würden von der jeweiligen Grenzpolizei getroffen. Man sicherte uns allerdings die Unterstützung der SFOR zu. Vielleicht gelingt es uns, mit einer norwegischen Hilfsorganisation, die auf der bosnischen Seite tätig ist, Kontakt aufzunehmen. Am Abend dieses Tages feierten wir zusammen mit den Leuten der Gemeinde einen Ostergottesdienst mit anschließendem Essen und geselligem Beisammensein. Noch vor dem Frühstück in unserer Unterkunft vernahmen wir das dumpfe Grollen einer vorbeifahrenden Panzereinheit der SFOR, die in Richtung Brücke nach Bosanski Brod unterwegs war. Auch am späteren Vormittag des Ostersonntages sahen wir noch weitere Einheiten mit schwerem Gerät. Unser Gemeindepfarrer Zdravko bemerkte, es gäbe wohl Probleme in Bosnien, da auch schon am vergangenen Tage sehr viel Polizei und Armeehubschrauber unterwegs waren. Den weiteren Sonntag nutzten wir zu einer Erkundungsfahrt in die Region Okucani und Lipic. Nach ca. zweistündiger Fahrt durch teilweise immer noch zerstörte kroatische Dörfer trafen wir schließlich im ehemaligen Kurort Lipic ein. Diese Stadt verfügte vor dem Krieg über ein bekanntes Thermalbad mit entsprechender Kurklinik, in der auch viele deutsche Patienten behandelt wurden. Nachdem serbische Einheiten aus der umliegenden Gegend die Stadt eingenommen hatten und die kroatische Armee diese wiederum mit einem Angriff zurückeroberte, ist von der Stadt und ihren Einrichtungen nicht mehr viel übrig. Bei diesen Kämpfen sollen angeblich sehr viele Menschen umgekommen sein. Zwischen den stark zerstörten, vormals teils sehr schönen, alten Gebäuden der Klinikanlage ist noch der einstige Kurpark zu erkennen. Es wird sicherlich noch sehr lange dauern, bis hier der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Doch an anderen Ecken der Stadt ist das zurückkehrende Leben in Form von neu eröffneten Cafés und Läden zu erkennen. Später fuhren wir wieder über die Hügelkette zurück in die Dörfer um Okucani. Dort verbrachten wir zusammen mit Freunden aus der Gemeinde einen heiteren Nachmittag. Zuvor wurde auf dem Grundstück einer befreundeten Familie eine kleine Osterandacht mit Musik, Gesang und einem anschließenden, reichhaltigen Mittagessen zelebriert. Erst während der beginnenden Abenddämmerung traten wir die Rückfahrt nach Slavonski Brod an. Auf dem Weg waren erfreulicherweise zwischen vielen Ruinen auch Häuser zu sehen, die einen neuen Dachstuhl erhalten haben oder die völlig neu aufgebaut wurden. Dies ist vielleicht, trotz aller negativen Prognosen, ein Zeichen der sich langsam normalisierenden Lage und vor allem der Hoffnung für die Zukunft in diesem Land.. Zurück in Slavonski Brod verbrachten wir noch einen sehr geselligen und heiteren Abend. Den Ostermontag mussten wir dann wieder zur Heimreise nutzen. Die Fahrt dauerte aufgrund sehr starken Rückreiseverkehrs in Slowenien länger als vorgesehen. In den frühen Morgenstunden des 01.04.97 trafen wir schließlich wieder in München ein. Hinter uns lag ein sehr schönes und vor allem informatives Osterwochenende. Christoph Pongratz (TSW Mitarbeiter)